Mehr Druck – mehr Wirkung?
Der Hustenassistent ist eingestellt, die Therapie läuft, der angezeigte Spitzenfluss sieht gut aus. Trotzdem lässt sich das Sekret nur unzureichend mobilisieren.
Was nun? Den Druck erhöhen?
Dieser Gedanke liegt nahe. Schließlich soll die MI-E einen möglichst wirksamen Hustenstoß unterstützen. Dazu wird zunächst Luft mit positivem Druck in die Lunge eingebracht. Der anschließende schnelle Wechsel zu negativem Druck erzeugt einen hohen exspiratorischen Luftstrom, der den Sekrettransport in Richtung der zentralen Atemwege unterstützen soll.
Höhere Drücke können diesen Luftstrom verstärken. Doch ob dadurch auch die Therapie effektiver wird, hängt von weiteren Faktoren ab. [3]
Was höhere Drücke tatsächlich bewirken
In einer physiologischen Vergleichsstudie wurden 29 klinisch stabile Patienten mit Atemmuskelschwäche untersucht. Die Studiengruppe umfasste zehn Patienten mit Duchenne-Muskeldystrophie, acht mit Rückenmarksverletzungen sowie elf Patienten mit Langzeitbeatmung über ein Tracheostoma.
Verglichen wurden zwei unterschiedliche Druckeinstellungen:
| **Niedrigdruck** | vs. | **Hochdruck** |
|---|---|---|
| **+30/−30 cmH₂O** | **+60/−60 cmH₂O** | |
| **179 l/min** | **228 l/min** |
Mittlerer Hustenspitzenfluss (CPF) unter Niedrig- und Hochdruck-MI-E [1]
Bei der höheren Druckeinstellung zeigte sich ein statistisch signifikanter Anstieg des Hustenspitzenflusses. Hinsichtlich der Lungenrekrutierung, des neuralen Atemantriebs und der subjektiv empfundenen Atemnot ließen sich hingegen keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Druckeinstellungen nachweisen. [1]
Ein differenzierteres Bild zeigte sich jedoch bei Patienten mit stärker ausgeprägter Atemmuskelschwäche. Unter der höheren Druckeinstellung traten bei ihnen häufiger Verschlüsse der oberen Atemwege auf. Zudem berichteten sie über ein erhöhtes Unbehagen während der Therapie. [1]
Für die individuelle Druckeinstellung lässt sich daraus eine wichtige Erkenntnis ableiten: Ein höherer Hustenspitzenfluss bedeutet nicht zwangsläufig eine effektivere Hustenunterstützung. Neben dem gemessenen Fluss sollten deshalb auch die physiologische Reaktion und die Verträglichkeit der Therapie berücksichtigt werden.
Das bedeutet nicht, dass hohe Drücke grundsätzlich vermieden werden sollten. Sie können durchaus erforderlich und sinnvoll sein. Entscheidend ist, ob die gewählte Einstellung beim jeweiligen Patienten einen klinisch nachvollziehbaren Nutzen bringt und gut toleriert wird.
Mehr Druck – mehr Risiko?
Eine Drucksteigerung ist am Hustenassistenten schnell vorgenommen. Doch nicht jeder Patient bringt die gleichen Voraussetzungen mit. Gerade bei vorgeschädigtem Lungengewebe stellt sich deshalb auch die Frage nach möglichen Risiken.
Wie wichtig diese Überlegung ist, verdeutlichen zwei veröffentlichte Fallbeschreibungen: Bei diesen Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen trat im zeitlichen Zusammenhang mit der Anwendung von MI-E beziehungsweise Verfahren zur Lungenvolumenrekrutierung jeweils ein Pneumothorax auf. [5]
Solche Komplikationen sind bislang nur vereinzelt dokumentiert, können jedoch schwerwiegende Folgen haben. Ein direkter Zusammenhang zwischen der Höhe des eingestellten Drucks und dem Pneumothoraxrisiko lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Ebenso wenig gibt es auf Grundlage dieser Berichte einen allgemeingültigen Druckgrenzwert, ab dem die Anwendung als gefährlich einzustufen wäre.
Chatwin und Wakeman führen bullöses Emphysem, einen nicht drainierten Pneumothorax und ein kürzliches Barotrauma als Kontraindikationen auf. Ein vorausgegangener Pneumothorax wird dagegen als Vorsichtsmaßnahme genannt. Die Einordnung beruht unter anderem auf den Gebrauchsanweisungen einzelner MI-E-Geräte. [3]
Treten während oder nach der Anwendung plötzlich Thoraxschmerzen, akute Atemnot oder eine unerklärliche respiratorische Verschlechterung auf, muss die MI-E unterbrochen und der Patient unverzüglich ärztlich beurteilt werden. Dabei sollte auch ein Pneumothorax als mögliche Ursache in Betracht gezogen werden.
Warum eigentlich immer +40/−40 cmH₂O?
Druckeinstellungen wie +40/−40 cmH₂O sind in der MI-E-Therapie weit verbreitet und werden auch in der Fachliteratur häufig als Orientierung beschrieben. [3]
Doch müssen Insufflations- und Exsufflationsdruck tatsächlich immer gleich hoch eingestellt sein?
Die beiden Druckphasen erfüllen schließlich unterschiedliche Aufgaben: Während der Insufflation soll ausreichend Luft in die Lunge gelangen, dient die Exsufflation dazu, einen wirksamen Luftstrom zur Sekretmobilisation zu erzeugen.
Dass beide Druckwerte nicht zwangsläufig identisch sein müssen, zeigt auch ein Blick in die klinische Versorgungspraxis.
In einer 2025 veröffentlichten retrospektiven Untersuchung wurden die MI-E-Einstellungen von 359 erwachsenen Patienten ausgewertet. Dabei lag der Insufflationsdruck im Median bei +35 cmH₂O, während der Exsufflationsdruck im Median bei −45 cmH₂O lag. [2]
Der negative Druck war in dieser Patientengruppe somit im Median betragsmäßig höher als der positive.
Diese Ergebnisse zeigen, dass asymmetrische Druckeinstellungen durchaus Anwendung finden. Sie belegen allerdings nicht, dass eine stärkere Exsufflation grundsätzlich wirksamer ist. Die Untersuchung beschreibt die Versorgungspraxis eines einzelnen Zentrums und liefert keine allgemeingültige Empfehlung für eine optimale Druckkombination.
Für die individuelle Therapieeinstellung stellt sich deshalb eine ganz andere Frage: Welche Phase der Hustenunterstützung muss bei diesem Patienten überhaupt verbessert werden?
Ist die Insufflation unzureichend, muss nicht zwangsläufig auch der Exsufflationsdruck verändert werden. Umgekehrt erfordert eine Anpassung der Exsufflation nicht automatisch eine Erhöhung des positiven Drucks.
Entscheidend ist, die beiden Therapiephasen gezielt zu beurteilen, statt beide Druckwerte grundsätzlich gemeinsam zu verändern.
Was, wenn nicht der Druck entscheidend ist?
Nicht immer ist eine Veränderung der Druckwerte erforderlich, um die Hustenunterstützung zu verbessern. Auch die Insufflationszeit und der inspiratorische Fluss beeinflussen, wie viel Luft während der Insufflation eingebracht wird. [3]
Ein ausreichendes inspiratorisches Volumen ist eine wichtige Voraussetzung für den anschließenden Hustenstoß. Wird während der Insufflation zu wenig Luft eingebracht, muss das nicht zwangsläufig an einem zu niedrigen Druck liegen. Möglicherweise ist die Insufflationsphase zu kurz oder es bestehen relevante Leckagen.
Auch die Geschwindigkeit, mit der die Luft eingebracht wird, verdient Aufmerksamkeit. Manche Patienten empfinden einen schnellen inspiratorischen Fluss als unangenehm. Eine langsamere Insufflation kann in solchen Fällen besser toleriert werden. Gegebenenfalls muss dafür die Insufflationszeit angepasst werden, damit weiterhin ausreichend Luft in die Lunge gelangt. [3]
Interessant ist, dass der inspiratorische Fluss nicht nur für die Verträglichkeit, sondern möglicherweise auch für den Sekrettransport eine Rolle spielt.
In einer experimentellen Untersuchung aus dem Jahr 2018 wurden unterschiedliche MI-E-Manöver an einem Lungenmodell verglichen. Bei einer langsameren Insufflation entstand ein günstigeres Verhältnis zwischen exspiratorischem und inspiratorischem Fluss. Unter diesen Bedingungen wurde das simulierte Sekret stärker in Richtung der zentralen Atemwege transportiert als beim verglichenen Standardmanöver. In der statistischen Analyse zeigte der maximale exspiratorische Spitzenfluss allein hingegen keinen signifikanten Zusammenhang mit der beobachteten Sekretverschiebung. [4]
Da diese Ergebnisse aus einer experimentellen Untersuchung stammen, lassen sie sich nicht unmittelbar auf die klinische Anwendung übertragen. Sie verdeutlichen jedoch, dass neben dem Druck auch der zeitliche Ablauf und das Verhältnis der Luftströme für die Hustenunterstützung von Bedeutung sein können.
Für die Praxis lohnt es sich deshalb, bei einer unzureichenden Therapiewirkung nicht ausschließlich die Druckwerte zu betrachten. Auch andere Einstellungen können Ansatzpunkte für eine individuelle Anpassung bieten. Welche Veränderung sinnvoll ist, zeigt sich letztlich erst bei der Beurteilung der Therapiewirkung am Patienten.
Schon mal den Patienten gefragt?
Wir beschäftigen uns mit Druckwerten, Flusskurven und Therapiezeiten. Doch bei all den technischen Möglichkeiten gerät manchmal eine ganz einfache Frage in den Hintergrund: Wie erlebt der Patient die Therapie eigentlich selbst?
Nicht jede unzureichende Hustenunterstützung lässt sich an einem Messwert erkennen. Und nicht jede Einstellung, die auf dem Display gut aussieht, fühlt sich für den Patienten auch gut an.
Dabei können schon wenige gezielte Fragen wertvolle Hinweise liefern. Kommt die Luft angenehm an oder ist der inspiratorische Fluss zu schnell? Hat der Patient das Gefühl, ausreichend Luft zu bekommen, bevor die Exsufflation beginnt? Ist der Hustenstoß unangenehm oder benötigt er zwischen den einzelnen Zyklen einfach mehr Zeit zur Erholung?
Manchmal sind es genau diese vermeintlichen Kleinigkeiten, die den Unterschied machen.
Wenn ein Patient beispielsweise berichtet, dass die Einatmungsphase zu kurz ist, lohnt sich zunächst ein Blick auf die Insufflationszeit, bevor der positive Druck erhöht wird. Empfindet er die Exsufflation als belastend, sollten der negative Druck, die Exsufflationszeit und die klinische Reaktion überprüft werden.
Natürlich bleiben die objektiven Messwerte wichtig. Sie helfen uns, die Therapie zu beurteilen und Veränderungen nachvollziehbar zu machen. Aber sie ersetzen weder die klinische Beobachtung noch das Gespräch mit dem Patienten. [3]
Nicht jeder Patient kann seine Wahrnehmungen verbal mitteilen. Gerade bei eingeschränkter Kommunikation sind deshalb eine aufmerksame Beobachtung, alternative Kommunikationsmöglichkeiten und gegebenenfalls die Einbeziehung vertrauter Bezugspersonen besonders wichtig.
Entscheidend ist letztlich, was eine Veränderung für den Patienten bewirkt: Wird die Therapie besser toleriert? Lässt sich das Sekret effektiver mobilisieren? Fühlt sich die Anwendung weniger belastend an?
Manchmal beginnt eine bessere Therapieeinstellung nicht mit dem nächsten Tastendruck am Gerät, sondern mit einer einfachen Frage an den Patienten.
Bewährt – oder einfach nur gewohnt?
Ein Patient nutzt seinen Hustenassistenten seit mehreren Jahren. Die Einstellungen sind bekannt, die Anwendung ist Routine und bislang hat alles gut funktioniert. Warum also etwas daran ändern?
Weil sich in der Zwischenzeit vielleicht einiges verändert hat.
Gerade bei fortschreitenden neuromuskulären Erkrankungen können die Anforderungen an eine effektive Hustenunterstützung zunehmen. Die Atemmuskelschwäche nimmt möglicherweise zu, die Atemmechanik verändert sich oder die Sekretmobilisation fällt zunehmend schwerer. Auch die Verträglichkeit der Therapie kann im Krankheitsverlauf nachlassen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jede bewährte Einstellung grundsätzlich falsch ist. Aber wenn die Hustenunterstützung nicht mehr den gewünschten Effekt zeigt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Reicht die Insufflation noch aus? Passt der Hustenstoß zur aktuellen Situation? Oder könnten andere Druckeinstellungen, veränderte Therapiezeiten oder ein angepasster inspiratorischer Fluss die Anwendung verbessern?
Manchmal bestätigt sich dabei auch, dass die bisherigen Einstellungen weiterhin gut geeignet sind. Und auch das ist ein wertvolles Ergebnis.
Die Fachliteratur beschreibt sowohl standardisierte als auch individuell angepasste Vorgehensweisen bei der MI-E. Entscheidend ist jedoch, die Therapiewirkung im Verlauf immer wieder zu überprüfen und bei Bedarf auf Veränderungen zu reagieren. [3]
Nur weil wir eine Einstellung seit Jahren nutzen, heißt das noch lange nicht, dass sie heute die richtige ist.
Was wissen wir – und was bleibt offen?
Die bisherigen Untersuchungen liefern wichtige Erkenntnisse. Was sie uns allerdings nicht liefern, ist eine allgemeingültige Antwort darauf, welche Druckeinstellung für jeden Patienten die richtige ist.
So wurden in der Hochdruck-Niedrigdruck-Studie lediglich 29 klinisch stabile Patienten untersucht. Im Mittelpunkt standen kurzfristige physiologische Reaktionen. Ob sich die unterschiedlichen Druckeinstellungen langfristig auf die tatsächliche Sekretmobilisation, Atemwegsinfektionen oder Krankenhausaufenthalte auswirken, bleibt offen. Zudem wurden Insufflations- und Exsufflationsdruck gleichzeitig verändert, sodass sich die Auswirkungen der einzelnen Druckphasen nicht eindeutig voneinander unterscheiden lassen. [1]
Auch die weiteren Untersuchungen liefern keine allgemeingültigen Einstellungsregeln. Während die Auswertung von 359 Patienten die klinische Versorgungspraxis eines einzelnen Zentrums beschreibt, stammen die Erkenntnisse zum optimierten inspiratorischen Fluss aus einer experimentellen Untersuchung am Lungenmodell. [2,4]
Heißt das, dass uns diese Studien für die Praxis wenig bringen? Ganz im Gegenteil.
Sie helfen uns, physiologische Zusammenhänge besser zu verstehen, gewohnte Vorgehensweisen zu hinterfragen und Therapieentscheidungen bewusster zu treffen.
Was zählt am Ende wirklich?
Wie viel Druck braucht also eine effektive Hustenunterstützung? Die eine richtige Zahl gibt es nicht.
Die beste Einstellung ist nicht zwangsläufig die mit dem höchsten Druck, sondern die, die für den Patienten am besten funktioniert.
Fragen zur praktischen Anwendung der MI-E?
Sie arbeiten mit Hustenassistenten und wünschen sich mehr Sicherheit bei der individuellen Einstellung der MI-E? Sie möchten Druckeinstellungen, Therapiezeiten und inspiratorischen Fluss gezielter auf die Bedürfnisse Ihrer Patienten abstimmen?
Sprechen Sie uns gerne an. Wir unterstützen Sie bei der Organisation einer praxisnahen Schulung oder vermitteln den Kontakt zu einem Partner vor Ort, um Fragen zur Anwendung und individuellen Therapieanpassung gemeinsam zu besprechen.
Quellen
Hinweis
Dieser Artikel dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Entscheidung. Angaben zu Geräteeinstellungen sind Orientierung; maßgeblich sind die Gebrauchsanweisung des jeweiligen Geräts und die Beurteilung der behandelnden Fachkraft.